Die Choreographin

Vera Sander

Vera Sander studierte an der London Contemporary Dance School und an der Theaterschool Amsterdam. Bevor sie ihre ersten Choreographien als Solistin beim Kölner Tanzforum entwickelte, tanzte sie u.a. bei der Dansgroep Krisztina de Chatel, bei Itzik Galili und als Solistin an der Sächsischen Staatsoper Dresden. Seit 1996 ist die Künstlerin als freie Choreographin, Tänzerin und Dozentin für zeitgenössischen Tanz tätig. Neben Einladungen zu Gastchoreographien im In- und Ausland ist
Vera Sander künstlerische Leiterin des Tanzensembles VeraSanderArtConnects, mit dem sie Bühnenproduktionen, Tanzfilme, Performances und Installationen verwirklicht. Der Künstlerin wurde für ihre Arbeit mehrfach Preise zuerkannt, darunter der Kölner Tanzpreis, der Choreographiepreis Hannover und der deutsche Videotanzpreis.
Vera Sander ist Professorin für zeitgenössischen Tanz an der Musikhochschule Köln/Studiengang Tanz. Sie ist als Gastlehrerin für das professionelle Training verschiedener Tanzensembles verantwortlich, u.a. beim Tanztheater Osnabrück, bei der Dansgroep Krisztina de Chatel, NL, Gallili Dans, NL, pact zollverein, Essen, tanzhaus nrw, Düsseldorf, Adventures in Motion Pictures, U.K., und DV 8, U.K.
Vera Sander gibt Workshops in zeitgenössischer Tanztechnik, Choreographie und Tanz für Laien, professionelle TänzerInnen, Tanzpädagogen und Pädagogen, die Tanz in ihre pädagogische Arbeit einbeziehen.



Nicht hier, nicht dort
„Mein Vater fragte mich einmal, ob ich wüsste, wo yonder* ist. Ich sagte, meines Erachtens sei yonder ein anderes Wort für dort. Er lächelte und sagte:“ Nein, yonder ist zwischen hier und dort.“ Siri Hustveldt

Diese kleine Geschichte ist mir in Erinnerung geblieben: Sie bestimmt einen neuen Raum – einen mittleren Bereich, nicht hier, nicht dort – einen Ort, der nicht existierte bis er einen Namen bekam. In diesem mentalen Raum ist die Choreographie angesiedelt.

Ein Raum, der beispielsweise auf die geographische Herkunft eines in zwei Kulturen aufgewachsenen Menschen zurückzuführen ist oder auf die Situation eines sich im Übergang befindlichen Menschen, z.B. zwischen Kindheit und Erwachsensein.
Die Tatsache, dass hier und dort, je nachdem wo ich bin, gleiten und sich verschieben, zeigt die prekäre Beziehung zwischen den Dingen.
Es ist doch so: Eigentlich fasziniert nicht so sehr, an einem Ort zu sein, als nicht dort zu sein: zu sehen, wie Orte im Geiste fortleben, sobald man sie verlassen hast, wie man sie sich vorstellt bevor man ankommt. Also ein Raum der Vorstellungen, Träume und Wünsche. Sie sind es, die die Grenzen des Hier und Dort bestimmen. Sie sind wie eine Landkarte unseres Innenlebens.

Die Choreographie zeigt den Dialog zwischen denen, die das Hier repräsentieren und denen, die das Dort repräsentieren und vor allem mit denen, die sich dazwischen bewegen und die aufgrund ihrer persönlichen Biographie die Grenzen bestimmen bzw. auflösen. Das Stück spürt den Bildern nach, die in diesem fiktionalen Raum entstehen, angesiedelt zwischen der realen Welt und der gedachten, gefühlten Welt der Phantasie. Jeder hat sein eigenes Hier bzw. Dort. Meine eigene Biographie z.B. schließt, wie die vieler Menschen, riesige Teile der Welt aus. Doch sie schafft eine eigene Welt, in der ich mich aufhalten kann, in der ich mich geborgen und sicher, aber auch unheimlich, fühlen kann.

Ich lebte z.B. eine ganze Weile in den Niederlanden, ich lebe inzwischen wieder mit meinem niederländischen Mann in Deutschland. Unsere Kinder wachsen in beiden Sprachen auf. Irgendwann hatte ich einen Traum. An seinen Inhalt kann ich mich nicht erinnern, aber er verlief niederländisch mit deutschen Untertiteln. Ich denke immer an diesen Traum als eine Art Schwebezustand zurück. Sein filmischer Code drückte genau meine Stellung zwischen zwei Kulturen aus. Mir kommt dabei immer das Bild eines Zwillings - ein Zwilling der Erinnerung.

Die Choreographie nutzt die persönlichen Biographien der Jugendlichen und bedient sich traumhafter, gefühlvoller Bilder, wie z.B. das eines Zwillingspaares, die gleichzeitig eine Geschichte erzählen, aber in unterschiedlichen Sprachen.

*engl.: da drüben, da hinten, da unten.
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